Ein Altbau mit knarzenden Dielen, hohen Decken und Charme zum vergleichsweise kleinen Preis wirkt auf den ersten Blick wie das Schnäppchen des Jahres. Doch was viele Käufer erst im Bankgespräch merken: Ein Sanierungsstau beim Hauskauf ist längst kein reines Kostenthema mehr, sondern entscheidet mit über Zinsen, Kreditsumme und manchmal sogar darüber, ob die Finanzierung überhaupt zustande kommt. Wer sich vorher ehrlich mit den Zahlen beschäftigt, verhandelt am Ende souveräner mit Verkäufer und Bank.

Sanierungsbedürftiges Einfamilienhaus aus den 1960er Jahren mit verwitterter Beige-Fassade, alten Holzfenstern und ungepflegtem Vorgarten im warmen Herbstlicht.

Ein Haus mit Potenzial sieht auf dem Portal oft günstig aus. Der eigentliche Preis entsteht erst, wenn die Bank rechnet und den Sanierungsbedarf einpreist.

Warum die Bank strenger rechnet als der Verkäufer

Für den Verkäufer ist der Zustand des Hauses eine Momentaufnahme, für die Bank ist er eine Risikoprognose über zwanzig oder dreißig Jahre. Kreditinstitute setzen bei der Bewertung nicht den Kaufpreis an, sondern den sogenannten Beleihungswert nach der Beleihungswertermittlungsverordnung. Dieser liegt im Schnitt zehn bis dreißig Prozent unter dem tatsächlichen Verkehrswert. Bei einem sanierungsbedürftigen Haus fällt der Abschlag tendenziell höher aus, weil die Bank Puffer für spätere Wertverluste einbaut.

Konkret bedeutet das: Auch wenn Sie sich mit dem Verkäufer auf 380.000 Euro einigen, kann die Bank intern nur 300.000 Euro als Sicherheit anerkennen. Die Differenz müssen Sie mit Eigenkapital schließen oder über schlechtere Konditionen bezahlen. Genau an dieser Stelle scheitern viele Finanzierungen, obwohl der Käufer eigentlich solvent ist. Der Sanierungsstau beim Hauskauf wird zum Preisfaktor, lange bevor die erste Rechnung eines Handwerkers ins Haus flattert.

Hinzu kommt, dass geplante Modernisierungskosten von Banken nur zur Hälfte als wertsteigernd auf den Beleihungswert angerechnet werden. Reine Renovierungen wie Bodenbeläge oder Malerarbeiten fließen mit null Prozent ein. Wer 80.000 Euro in eine neue Heizung, Fenster und Dämmung stecken will, darf höchstens mit 40.000 Euro zusätzlicher Beleihung rechnen. Das verändert die Kalkulation grundlegend.

Energieeffizienzklasse als neuer Preishebel

Der Energieausweis ist längst mehr als ein bürokratisches Beiblatt. Er ist zu einem der wichtigsten Preistreiber am Markt geworden. Eine Marktanalyse von Immowelt zeigt, dass Ein- und Zweifamilienhäuser der schlechtesten Klasse H im bundesweiten Schnitt rund 14 Prozent günstiger angeboten werden als vergleichbare Objekte der mittleren Klasse D. Im Extremvergleich zwischen einem hocheffizienten Haus der Klasse A+ und einem unsanierten Objekt der Klasse H klafft laut Interhyp eine Preisspanne von bis zu 40 Prozent.

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat den Effekt in Zahlen gefasst: Zwischen energetisch sanierten Wohnungen der Klassen A+ und A und unsanierten Beständen der Klassen D und E liegt der Wertunterschied bei rund 650 Euro pro Quadratmeter. Das entspricht fast genau den durchschnittlichen Sanierungskosten von etwa 700 Euro pro Quadratmeter. Der Markt hat also gelernt, den Aufwand einzupreisen. Wer als Käufer denkt, er mache mit einem unsanierten Haus automatisch ein Geschäft, unterliegt einem Irrtum.

Für Sie heißt das: Der niedrigere Kaufpreis ist meistens kein Rabatt, sondern eine Rückstellung für Arbeiten, die ohnehin anfallen werden. Ob sich das Objekt lohnt, entscheidet sich daran, ob Sie die Sanierung günstiger, in Eigenleistung oder in mehreren Etappen umsetzen können als der rechnerische Marktdurchschnitt.

Zinsaufschläge für schlechte Effizienzklassen

Was lange nur intern kalkuliert wurde, steht mittlerweile offen in den Konditionslisten der Banken. Die ING erhebt bei Baufinanzierungen einen Zinsaufschlag von 0,10 Prozentpunkten für Bestandsimmobilien der schlechtesten Klassen G und H. Andere Institute ziehen nach oder differenzieren stiller, aber mit vergleichbarer Wirkung. Nach Angaben großer Vermittler wie Dr. Klein lehnen erste Kreditinstitute Finanzierungen von Häusern der Klasse H inzwischen komplett ab, sofern der Käufer keine vertragliche Verpflichtung zur Sanierung eingeht.

Paar sitzt mit Bankberater am Küchentisch, auf dem Grundrisse, ein Energieausweis und ein Laptop mit Finanzierungstabelle liegen, im warmen Morgenlicht.

Der Energieausweis liegt heute selbstverständlich mit auf dem Tisch. Er entscheidet oft stärker über den Zinssatz als die Bonität des Käufers.

Wer ohne oder mit wenig Eigenkapital finanziert, wird zusätzlich zur Kasse gebeten. Bei einer Vollfinanzierung mit hundert Prozent Beleihungsauslauf verlangen Banken im Vergleich zu einem Darlehen mit sechzig Prozent Beleihung typischerweise Zinsaufschläge zwischen 0,5 und 0,7 Prozentpunkten, in Einzelfällen sogar bis zu 1,1 Prozentpunkten. Auf eine Darlehenssumme von 350.000 Euro summiert sich das über zehn Jahre auf über 40.000 Euro Mehrkosten. Ein unsaniertes Haus ohne Eigenkapital ist damit fast immer ein Verlustgeschäft, bevor die erste Rate überhaupt läuft.

Sanierungsfahrplan als Türöffner zur Finanzierung

Wenn eine Bank ein sanierungsbedürftiges Haus finanzieren soll, will sie wissen, wohin die Reise geht. Mehrere Institute setzen deshalb inzwischen einen Modernisierungsplan oder einen individuellen Sanierungsfahrplan voraus, kurz iSFP. Dieser Fahrplan wird von einem qualifizierten Energieberater erstellt und zeigt, mit welchen Maßnahmen das Haus in welcher Reihenfolge auf mindestens die Energieeffizienzklasse F gehoben werden kann. Ohne diese Grundlage lehnen manche Banken bei kritischen Objekten schlicht ab.

Der Fahrplan ist gleichzeitig Ihr bestes Werkzeug für eine realistische Kalkulation. Ein Energieberater sieht Dinge, die im Exposé nie stehen: fehlende Kellerdeckendämmung, veraltete Elektrik, Wärmebrücken an Balkonen. Aus dem Fahrplan ergibt sich eine Kostenrange, die Sie mit dem Kaufpreis addieren und dann mit anderen Objekten am Markt vergleichen können. Erst diese Summe ist der ehrliche Preis des Hauses.

Der Vorteil: Ein iSFP öffnet zusätzlich Fördertöpfe. Maßnahmen, die im Rahmen eines iSFP umgesetzt werden, erhalten in der Regel höhere Zuschüsse bei BAFA und KfW. Was zunächst nach zusätzlicher Bürokratie aussieht, zahlt sich dreifach aus: bei der Bank, beim Fördermittelantrag und in Ihrer eigenen Planungssicherheit.

Gesetzliche Nachrüstpflichten in den ersten zwei Jahren

Wer ein älteres Haus kauft, übernimmt nicht nur die Immobilie, sondern auch die Pflichten aus dem Gebäudeenergiegesetz. Nach § 47 und § 72 GEG haben Käufer ab dem Grundbucheintrag zwei Jahre Zeit, ungedämmte oberste Geschossdecken auf einen U-Wert von maximal 0,24 W/(m²K) nachzurüsten und bestimmte über dreißig Jahre alte Standard-Heizkessel auszutauschen. Diese Frist läuft unabhängig davon, ob Sie das Haus gerade erst renoviert haben oder noch mitten im Umzug stecken.

Wer die Nachrüstpflichten ignoriert, riskiert ernsthafte Konsequenzen. Nach § 108 GEG stellt der Verstoß eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro geahndet werden kann. In der Praxis wird selten in dieser Höhe zugegriffen, aber die Rechtsgrundlage existiert. Wichtiger noch: Beim späteren Verkauf oder bei einer Nachfinanzierung tauchen ungeklärte Nachrüstpflichten sofort in den Unterlagen auf und drücken den Preis.

Kalkulieren Sie diese Pflichten deshalb von Anfang an mit ein. Eine Geschossdeckendämmung kostet in Eigenleistung wenige tausend Euro, ein neuer Heizkessel je nach System und Objekt zwischen 15.000 und 35.000 Euro. Beides sind Beträge, die im Übergang zwischen Kauf und Einzug schnell übersehen werden und die Liquidität in den ersten Jahren empfindlich treffen können.

Verhandlungsposition beim Kaufpreis

Alle diese Faktoren zusammen ergeben eine unerwartet starke Verhandlungsposition auf Käuferseite. Ein Verkäufer, der ein Haus der Klasse G oder H anbietet, muss inzwischen damit rechnen, dass ein Teil der Interessenten schon an der Finanzierung scheitert. Wer als Käufer mit fertiger Finanzierungszusage, iSFP-Grobplanung und einer sachlichen Kostenaufstellung ins Gespräch geht, hat Argumente an der Hand, die noch vor wenigen Jahren nicht in dieser Deutlichkeit auf dem Tisch lagen.

Die energetische Kernsanierung eines typischen Altbau-Einfamilienhauses summiert sich nach Schätzungen von Finanzierungs- und Sanierungsexperten regelmäßig auf 100.000 bis über 300.000 Euro. Das ist keine Verhandlungsmasse, das ist die Wahrheit hinter dem Angebotspreis. Wenn Sie diese Summe transparent machen und mit Kostenvoranschlägen belegen, verschiebt sich das Gespräch weg vom Wunschpreis des Verkäufers hin zu einer nüchternen Rechnung, die beide Seiten nachvollziehen können.

Bewährt hat sich, den Kaufpreis nicht pauschal zu drücken, sondern konkrete Positionen zu benennen: die Heizung, die zwingend im ersten Jahr getauscht werden muss, die Fenster, die undicht sind, die Elektrik, die nicht mehr den Normen entspricht. Verkäufer akzeptieren Abschläge leichter, wenn sie an nachvollziehbare Mängel geknüpft sind statt an allgemeine Marktrhetorik.

Der niedrige Kaufpreis ist selten ein Geschenk

Ein sanierungsbedürftiges Haus kann eine gute Entscheidung sein, wenn Sie handwerkliches Geschick, Zeit und ein realistisches Bild der Kosten mitbringen. Es kann aber auch der Anfang jahrelanger finanzieller Enge sein, wenn Sie sich vom niedrigen Preis blenden lassen. Nehmen Sie sich vor der Unterschrift die Zeit für einen Energieberater und für ein zweites Bankgespräch, in dem Sie gezielt nach Konditionen für unsanierte Objekte fragen. Das kostet ein paar Wochen Geduld und ein paar hundert Euro. Beides ist gut investiert, wenn es Sie vor einer Fehlentscheidung im sechsstelligen Bereich bewahrt.

Fotos: Textnetz, Generiert mit KI